Brauche ich Psychotherapie? Nein, Danke – ich bin doch nicht verrückt!

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  • Mein Innerstes nach Außen kehren?
  • In meiner Kindheit kramen?
  • Mich jemandem Wildfremden anvertrauen?
  • Was sollen die anderen denken?

In Bezug auf Psychotherapie bestehen viele Vorurteile und Befürchtungen und sogar Ängste, die Menschen davon abhalten, sich die Frage „Brauche ich eventuell eine Psychotherapie?“ überhaupt zu stellen. Dies führt häufig dazu, dass sich jemand nicht rechtzeitig Unterstützung sucht. In diesem Beitrag möchte ich in einfachen Worten erläutern, was Psychotherapie ist und wie sie funktionieren kann. In einer Fortsetzung möchte ich darauf eingehen, was die häufigsten Barrieren sind, um sich psychotherapeutische Unterstützung zu holen und was an diesen Sorgen, Ängsten und Befürchtungen wirklich dran ist.


Was ist Psychotherapie und wer darf sie ausüben?

Der Begriff Psychotherapie stammt aus dem altgriechischen psyche (Seele) und therapeia (Behandlung, Therapie) und bedeutet somit so viel wie die „Behandlung der Seele“. Psychotherapie bezeichnet heute die professionelle Behandlung psychischen und emotionalen Leidens mit Hilfe wissenschaftlich fundierter psychologischer Methoden.

In Deutschland dürfen ärztliche Psychotherapeuten (bspw. Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie), psychologische Psychotherapeuten (studierte Psychologinnen und Psychologen mit entsprechender therapeutischer Fachausbildung) und Heilpraktiker für Psychotherapie (eingeschränkt auf bestimmte Störungsbilder) psychotherapeutisch arbeiten. Der Begriff „Psychotherapeut“ ist seit 1999 geschützt und darf nur von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten genutzt werden. Die Abrechnung über die gesetzlichen Krankenkassen ist ausschließlich Psychotherapeuten vorbehalten.

Wie funktioniert Psychotherapie?

Es gibt eine Vielzahl an Therapiemethoden, die ihre Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen haben. Das Spektrum reicht dabei von einer klassischen Psychoanalyse „auf der Couch“ wie sie ursprünglich von Sigmund Freud entwickelt wurde bis hin zu auf lerntheoretischen Modellen basierenden Verhaltenstherapien. Diese klassischen Ansätze wurden und werden stetig weiterentwickelt und es gibt begrüßenswerte neue Ansätze, die unterschiedliche Denkschulen und Methoden integrieren (bspw. die ACT: Acceptance Commitment Therapie).

Der wichtigste Wirkfaktor in einer Psychotherapie ist die therapeutische Beziehung zwischen Patient und Therapeut

Damit Psychotherapie wirken kann, also eine subjektiv empfundene Verbesserung der Symptomatik eintritt, ist eine gute therapeutische Beziehung zwischen Patient und Therapeut die wohl wichtigste Voraussetzung. In diesem therapeutischen Raum, der geprägt ist von Vertrauen, Offenheit, Sicherheit und Respekt, können sich Patienten dann peu à peu schwierigen und unangenehmen Themen stellen, diese bearbeiten und einen neuen Umgang damit lernen. Hinzu kommt selbstverständlich der notwendige Veränderungswille seitens des Patienten. Insgesamt läßt sich somit sagen, dass neben der Frage „brauche ich eine Psychotherapie?“ und „welches Therapieverfahren ist geeignet?“, die Frage „welche Psychotherapeutin brauche ich?“ für den Erfolg einer Therapie mindestens genauso wichtig ist.

Nicht nur die Frage „brauche ich Psychotherapie?“ ist wichtig, sondern auch „welchen Therapeuten brauche ich?“

Nicht zuletzt aus diesem Grund beginnt eine Therapie mit einem unverbindlichen Erstgespräch, an das sich dann ggf. sogenannte probatorische Sitzungen anschließen. Nach diesen probatorischen Sitzungen entscheiden Patient und Therapeut u.a., ob sich eine tragfähige therapeutische Beziehung einstellt und somit eine solide Grundlage für die Therapie besteht.

Wann brauche ich eine Psychotherapie?

Allgemein läßt sich sagen, dass jemand psychotherapeutische Unterstützung in Erwägung ziehen sollte, wenn er/sie oder sein Umfeld sich in der Lebensführung beeinträchtigt fühlt und damit ein entsprechender subjektiv empfundener Leidensdruck entsteht. Dieser subjektiv empfundene Leidensdruck ist wichtige Voraussetzung für eine Motivation und den Erfolg einer Therapie. Fehlt dieser Leidensdruck – und damit die Motivation zur Therapie – wird eine Therapie häufig vorzeitig abgebrochen.

Persönlicher Leidensdruck ist ein wichtiger Motivator für eine erfolgreiche Therapie

Für die klinische/ärztliche Diagnostik wird in Deutschland das Diagnosemanual der WHO, die sogenannte ICD-10 (International Classification of Diseases in der 10. Fassung), verwendet. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Fragebögen und Möglichkeiten der Selbsteinschätzung.

Insgesamt erscheint es mir wichtig, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, und im Zweifel auch unabhängig von einer klaren klinischen Diagnose, psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen: Wenn es Ihnen emotional und/oder psychisch schlecht geht, dann ist das so – ganz egal, ob Sie dafür bisher eine Diagnose erhalten haben oder nicht! Sie sollten und dürfen sich selbst vertrauen und sich Unterstützung suchen! Im Laufe der ersten Gespräche wird Ihr Therapeut rasch feststellen, ob eine klinische Diagnose gerechtfertigt ist oder eher ein Coaching oder eine psychologische Beratung indiziert ist.

Wenn es Ihnen emotional oder psychisch nicht gut geht, sollten Sie sich Unterstützung wert sein – Diagnose hin oder her

Als Heilpraktiker für Psychotherapie begegne ich bspw. immer wieder Menschen, die sich in einer Sinnkrise befinden (nach dem Motto: „Was möchte ich mit meinem Leben (noch) anfangen?“). Zeigen sich keine weiteren, klinisch relevanten Symptome (bspw. depressive Symptome), wird aus einer gedachten Psychotherapie in der praktischen Arbeit eher ein Coaching oder eine psychologische Beratung mit therapeutischen Elementen und Phasen.

Eine gute therapeutische oder psychologische Unterstützung orientiert sich am Bedarf der Patienten. Es braucht keine klinische Diagnose, damit Sie von einer Psychotherapie profitieren.

Gerade in Zeiten der Pandemie braucht es den Mut, sich Unterstützung wert zu sein und auch zu holen

Dieser Aspekt erscheint mir insbesondere in den Zeiten der aktuellen Pandemie sehr bedeutsam: Mir begegnen immer mehr Menschen, die sichtlich unter den aktuellen Bedingungen leiden (Freud- und antriebslos, dauerhaft frustriert, Lebenssinn abhanden gekommen, Vermeidung von Kontakt etc.) Bedauerlicherweise wird das eigene Leid dabei oft verleugnet oder bagatellisiert („Ist doch gar nicht so schlimm“ oder „anderen geht es doch noch viel schlechter.“), um sich psychische und emotionale Entlastung zu verschaffen. Kurzfristig funktioniert dies auch ganz gut, aber langfristig sind solche Vermeidungsstrategien meistens nicht erfolgreich und führen zu mehr Leid, Frust und Problemen im Leben (mehr zu Vermeidungsstrategien in meinem Artikel Corona und unsere Psyche). Eine Psychotherapie oder auch Coaching bietet hier einen guten und sicheren Rahmen, um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und Lösungsstrategien zu erarbeiten. Insofern ist dies auch ein Appell, sich eine Psychotherapie zu gönnen (im Gegensatz zum „ich brauche eine Psychotherapie“).

Was hindert uns daran, psychotherapeutische Unterstützung zu suchen?

Ich denke, dass die meisten Menschen, die sich getraut haben, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, und einen passenden Therapeuten/eine passende Therapeutin gefunden haben, bestätigen werden, dass der Therapieprozess zwar schwierig und auch schmerzhaft war, aber letztlich zu einer Besserung ihres Lebens beigetragen hat.

Was hält uns also davon ab, psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, obwohl es uns manchmal wirklich nicht gut geht? In einer Fortsetzung des Beitrags möchte ich auf einige Aspekte etwas näher eingehen:

  1. Zähne zusammenbeißen: Es geht vorbei!
  2. Eigentlich ist doch „alles gut“ und es würde alles nur noch schlimmer!
  3. Was sollen die anderen denken?
  4. „Das“ geht niemanden etwas an!
  5. Ich kann mir keine Therapie leisten (Zeit, Geld)!

Lars Heemann

Männercoach und Heilpraktiker für Psychotherapie aus München vertritt die Meinung: „Investition in psychische Gesundheit ist ebenso wichtig wie in die körperliche Fitness: Beide unterstützen ein besseres und bewussteres Leben„. Mit seinen Denkanstößen können auch Sie das Leben noch besser genießen.

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Foto 93554261 (AdobeStock)

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